MedEvac: Notfalltransport in komplexen Einsatzszenarien
In Notfallsituationen wie bewaffneten Konflikten oder Naturkatastrophen stellt der dringende medizinische Transport eine essenzielle Maßnahme dar, um eine rechtzeitige Einweisung von Patienten in geeignete Gesundheitseinrichtungen zu gewährleisten und gleichzeitig eine angemessene Versorgung während des Transports sicherzustellen.
Der international gebräuchliche Begriff für diesen Dienst lautet MedEvac (Medical Evacuation) und bezeichnet den Transport von verletzten oder medizinisch behandlungsbedürftigen Personen – sowohl in dringenden als auch in weniger akuten Fällen – von einem Ort zum anderen. Ziel ist es, in kürzester Zeit die notwendige medizinische Versorgung zu gewährleisten.
In diesem Artikel analysieren wir die verschiedenen Transportarten, die Situationen, in denen ein MedEvac-Einsatz erforderlich ist, sowie die Abläufe einer medizinischen Evakuierung.

Ziel des MedEvac und Auslöser für den Einsatz
MedEvac ermöglicht die medizinische Versorgung von Patienten, die am Ort des Notfalls nicht adäquat behandelt werden können. Der dringende Patiententransport erfolgt in der Regel aus Gebieten mit unzureichender medizinischer Infrastruktur oder aus gefährlichen Situationen hin zu entsprechend ausgestatteten Krankenhäusern. Der Dienst wird häufig mit militärischen Einsätzen, Naturkatastrophen oder Notlagen in Verbindung gebracht, bei denen eine schnelle Evakuierung überlebenswichtig ist.
Laut Globalcharter, besteht das Hauptziel einer medizinischen Evakuierung darin, Patienten möglichst schnell vom Unfallort oder einem Feldlazarett in eine vollständig ausgestattete medizinische Einrichtung zu bringen. Der Einsatz erfolgt insbesondere in folgenden Situationen:
- Dringender medizinischer Bedarf in abgelegenen Regionen oder Gebieten mit eingeschränkter Infrastruktur;
- Evakuierung aus unbenutzbaren oder außer Betrieb gesetzten medizinischen Einrichtungen;
- Entlastung von Krankenhäusern mit einer Patientenzahl, die deren Kapazitäten übersteigt.
Transportarten
Die MedEvac erfolgt in der Regel auf dem Land – oder Luftweg und kann – je nach Einsatzszenario – sowohl militärische als auch zivile Transportmittel umfassen:
- Rettungshubschrauber (Drehflügler): ermöglichen das direkte Aufnehmen und Absetzen von Patienten vom Abholort zur Zielklinik;
- Ambulanzflugzeuge (Starrflügler): benötigen meist eine Kombination mit bodengebundenem Transport für den vollständigen Transfer;
- Bodenfahrzeuge: kommen zum Einsatz, wenn Luft- oder Wassertransport nicht notwendig oder nicht durchführbar ist.
Die Wahl des Transportmittels hängt von der Topografie des Einsatzgebietes und der Dringlichkeit der Lage ab.

Ein konkreter Fall: Der italienische MedEvac-Dienst im Russland-Ukraine-Konflikt
Seit Beginn des Russland-Ukraine-Krieges hat Italien einen MedEvac-Dienst aktiviert, um Patienten aus der Ukraine über Nachbarländer in italienische Gesundheitseinrichtungen zu verlegen. Der Transport erfolgt durch Luftfahrzeuge des Zivilschutzdienstes oder durch gespendete Privatflüge, das medizinische Personal wird von den italienischen Regionen bereitgestellt.
Der MedEvac-Einsatz für diese Patienten umfasst zwei medizinische Teams mit unterschiedlichen Aufgaben:
- Transportteam: begleitet die Patienten und ihre Begleitpersonen während der Reise und gewährleistet die Übergabe an die Zielkrankenhäuser, die von der Cross (Centrale remota operazioni soccorso sanitario) koordiniert werden.
- Scouting-Team: arbeitet im Ursprungsgebiet, identifiziert Patienten, bewertet deren Gesundheitszustand, legt Prioritäten fest, prüft die Transportfähigkeit und leistet Hilfe vor dem Abflug.
Zusätzlich wird das Modul DisEvac (Disability Evacuation) eingesetzt, das sich auf den geschützten Transport von besonders verletzlichen oder hilfsbedürftigen Personen konzentriert. In Italien garantiert das DisEvac-Modul der Misericordie den Langstreckentransport von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und stellt die notwendige Betreuung sicher.

Ein gesamteuropäischer Einsatz
Nicht nur Italien, sondern ganz Europa ist aktiv an medizinischen Evakuierungen beteiligt. Laut Europäischer Kommission wurden seit Kriegsbeginn über 3.000 ukrainische Patienten in europäische Krankenhäuser verlegt. Der EU-Zivilschutzmechanismus, der im März 2022 aktiviert wurde, ermöglichte medizinische Evakuierungen in 22 Länder, darunter Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Österreich, Schweden und Ungarn
Dies ist die größte koordinierte medizinische Evakuierungsoperation, die jemals vom ERCC (Emergency Response Coordination Centre) der Europäischen Kommission durchgeführt wurde. Das Zentrum koordiniert Katastrophenhilfen und stellt Hilfsgüter, Fachwissen, Zivilschutzteams und spezialisierte Ausrüstung bereit.
Ein zentrales Element dieses Einsatzes ist das EU-MedEvac-Zentrum in Rzeszów (Polen), das als Transitstelle für aus der Ukraine evakuierte Patienten dient, bevor diese in europäische Krankenhäuser verlegt werden. Vor Ort erhalten sie eine kontinuierliche pflegerische Betreuung – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.

Notfallverfahren an der Front
MedEvac folgt internationalen Protokollen, um einen sicheren und effektiven Transport zu gewährleisten – besonders in militärischen Kontexten von entscheidender Bedeutung. In solchen Szenarien muss ein Evakuierungsersuchen sorgfältig abgewogen werden, um keine Verzögerung der Versorgung zu riskieren. Der Prozess umfasst vier Phasen:
- Feuererwiderung: Der Einsatzort muss gesichert sein, bevor ein MedEvac angefordert wird, um die Verteidigungsfähigkeit der Einheit nicht zu gefährden.
- Medizinische Einschätzung: Das medizinische Personal beurteilt die Schwere der Verletzungen und den unmittelbaren Evakuierungsbedarf.
- Evakuierungsanfrage: Die Einsatzleitung übermittelt den MedEvac-Antrag mit allen wichtigen Details wie Standort, Anzahl der Verletzten und medizinischer Zustand.
- Transport und Stabilisierung: Der Patient wird evakuiert und erhält während des Transports weitere medizinische Versorgung bis zur Ankunft in einer spezialisierten Einrichtung.

Der MedEvac-Dienst ist ein zentraler Bestandteil der Notfallversorgung – sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich. Durch ein koordiniertes Netz aus Luft-, Land- und Wassertransporten können Leben gerettet und Menschen in kritischem Zustand zeitnah versorgt werden. Ob Naturkatastrophe, bewaffneter Konflikt oder Gesundheitskrise – MedEvac bleibt ein unverzichtbares Fundament der medizinischen Notfallhilfe.
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